Status Quo der Cannabis-Kostenübernahme

In den letzten Tagen haben zwei Meldungen große Wellen gemacht und viele Patient/innen und Ärzt/innen sehr verunsichert. Es geht zum einen um den Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zum Stellungnahmeverfahren der geplanten Änderungen der Arzneimittel-Richtlinie (AM-RL) hinsichtlich der kassenärztlichen Verordnung von Cannabisblüten und zum anderen um das aktuelle Urteil des Bundessozialgerichts (BSG) in Kassel vom 11.11.2022 (Az: B 1 KR 21/21 R und weitere).

Die geplanten Änderungen des G-BA – § 4a und Abschnitt N §§ 44 bis 46 (Cannabisarzneimittel) mit Beschlussdatum 25.10.2022 [https://www.g-ba.de/beschluesse/5693/] sehen unter anderem vor, dass künftig nur noch bestimmte Fachärzte Cannabis auf Rezept ausstellen dürfen und die Hausärzte komplett außen vor bleiben sollen. Eine solche Regelung würde die Versorgung von Cannabis als Medizin in Deutschland weiter erschweren und die ohnehin schon überlasteten Fachärzte weiter beschäftigen und Wartezeiten produzieren. Dies kann nicht Sinn und Zweck der Änderungen sein – diese gehören dringend angepasst!

Oft kennen die Hausärzte die Krankengeschichte des Patienten am besten und haben über den gesamten Gesundheitszustand des Patienten des besten Überblick – die Fachärzte haben selbstverständlich ein genaueres Verständnis für die einzelnen Indikationen, jedoch macht es keinen Sinn, Hausärzten die Option der Verschreibung von medizinischem Cannabis komplett zu versagen! Besonders in manchen ländlichen Regionen sind Menschen bereits jetzt flächendeckend unterversorgt mit Fachärzten! Tausende Land-Hausärzte halten unser Gesundheitssystem im ländlichen Raum am laufen!

Es kann nicht sein, dass mehreren hundert tausend schwerstkranken Menschen, die nachweislich auf die cannabisbasierte Medizin angewiesen sind, es nun noch schwerer haben sollen, ihre Medizin vom Arzt verschrieben zu bekommen, obwohl nach der fünfjährigen Begleiterhebung des BfArM die Ergebnisse sehr für eine Therapie mit Cannabis sprechen und insbesondere die Cannabisblüten sehr gute Erfolge gezeigt haben. Fertigarzneimittel nun Cannabisblüten vorzuziehen und die Verschreibung von Cannabisblüten zu erschweren, entzieht sich jeder wissenschaftlichen und medizinschen Grundlage, daher bedarf dieser geplante Änderungspunkt ebenfalls dringender Überarbeitungsbedarf! Ich appeliere an den BfArM, die Ergebnisse seiner eigenen Begleiterhebung zu berücksichtigen und wissenschaftliche Fakten nicht mehr zu ignorieren, auch wenn die Begleiterhebung von Anfang an hätte besser geplant werden müssen, sind die Ergebnisse eindeutig pro Cannabis-Medizin.

In der Praxis sieht der Musterfall eines Antrags oftmals so aus: Die Krankenkasse stellt im Antragsverfahren fest, dass der Patient noch nicht genügend Opiate / Benzodiazepine und andere sehr schädliche / suchterzeugende Medikamente eingenommen hat. Aus der Sicht der Krankenkasse stellt also Cannabis eine viel größere Gefahr für den Patienten dar und stellt dem Patienten faktisch die Voraussetzung, erst Tilidin, Fentanyl, Diazepam & Co. einzunehmen, obwohl es weder der Arzt, noch der Patient für sinnvoll erachten.

Ich appeliere diese enorme Ungerechtigkeit und diesen untragbaren Zustand zu beenden! Ich fordere den G-BA auf, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum medizinischen Einsatz von Cannabis und die Ergebnisse der Begleiterhebung des BfArM entsprechend zu berücksichtigen und somit mit den Neuregelungen den medizinischen Zugang zu Cannabis zu erleichtern und nicht noch weiter zu erschweren! Die bisherige Praxis ist menschenverachtend!

Hinweis für alle Patienten und Ärzte: Noch befinden sich die Änderungsvorschläge im Stellungnahmeverfahren und bisher hat sich nichts an der Verschreibung diesbezüglich geändert. Es steht auch noch nicht fest, wann und vor allem welche Änderungen nun eintreten werden. Daher können zum jetzigen Zeitpunkt auch weiterhin Hausärzte Cannabis auf Rezept verschreiben!

Zum Urteil des Bundessozialgerichts (Az: B 1 KR 21/21 R und weitere):

Leider wurden die hohen Hürden für eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse durch das Gericht bestätigt, jedoch wurde auch die sogenannte “ärztliche begründete Einschätzung” gestärkt und die Krankenkassen dürfen eine solches ärztliches Schreiben nicht mehr einfach ignorieren, wenn dieses korrekt erstellt wurde. Leider sind viele Ärzte mit diesem enormen Bürokratieaufwand bereits total überlastet oder haben dafür schlicht keine Zeit. Dies hat zur Folge, dass viele kranke Menschen nicht ihre dringend benötigte Cannabistherapie vom Arzt bekommen.

Mit meiner Arbeit als Patientenberater unterstütze ich aber im gleichen Zug auch die behandelnden Ärzte mit der Erstellung individueller Vorlagen, wie einer solchen geforderten begründeten Einschätzung. Diese Vorlagen kann Ihr behandelnder Arzt jederzeit noch anpassen, falls es notwendig sein sollte – aber dadurch ist Ihrem Arzt oder Ärztin schon sehr geholfen.

Außerdem stellt ein früherer Konsum nun nicht mehr ein Ausschlusskriterium dar und es ist nicht mehr zwingend erforderlich, dass der Patient komplett austherapiert ist!

Stehen noch Standardtherapien zur Verfügung, muss nun der behandelnde Arzt den Krankheitszustand umfassend dokumentieren, Therapiealternativen analysieren und Erfolgschancen und Risiken der Therapie sorgfältig abwägen. Falls mehrere Mittel gleich geeignet sind, hat der versicherte jedoch nur Anspruch auf die kostengünstigste Therapie! (Nur) Im Einzelfall muss zudem geprüft werden, ob eine Suchtmittelabhängigkeit droht.

Mit dem neuen Urteil des Bundessozialgerichts haben sich also Ihre Chancen deutlich verbessert, dass die Krankenkasse die Kosten für die Cannabistherapie übernehmen muss, wenn ihr Arzt es ausreichend gut begründen kann, da die Krankenkasse diese Begründung nun nicht mehr schlicht ignorieren darf.

Nehmen Sie gerne Kontakt zu mir auf, falls Sie oder Ihr Arzt Unterstützung bei der Erstellung einer begründeten Einschätzung oder anderweitig Hilfe bei der Cannabistherapie / Sortenauswahl benötigen.

Ihr Sachverständiger für medizinisches Cannabis

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